Rezensionen

In einer Zeit, in der mythische Themen wieder eine gewisse Virulenz erreicht haben, stellen Wolfgang und Heidemarie Sander (Sander-Film) eine Hörkassette (CD) und eine DVD vor, die sich mit der Person des Oberpfälzer Volkskundlers und Sagenforschers Franz Xaver von Schönwerth befasst, und vor allem seine wertvolle Sammlung alter Oberpfälzer Sagen, Märchen und Mythen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht.

Die regional tradierten Erzählstoffe, mit denen sich die Oberpfälzer früherer Zeiten Welt und Lebenssinn modellhaft verständlich machen wollten, gewinnen dabei eine neue Lebendigkeit, und auch die magische Naturauffassung unserer Vorfahren wird in der filmischen Darstellung in Verbindung mit Musik, Text und bildender Kunst für den heutigen Betrachter verständlich.

Insofern kann die Produktion das nicht geringe Verdienst in Anspruch nehmen, den Oberpfälzer Märchen- und Sagensammler Franz Xaver von Schönwerth, der durchaus mit Jacob und Wilhelm Grimm zu vergleichen ist, vor dem Vergessen bewahrt und seinen zeitlos wertvollen Märchen- und Sagenschatz aus der Oberpfalz für die Gegenwart lebendig gemacht zu haben. Ich bin sicher, dass diese wirklich gelungene Darstellung Schönwerths und seines großen Werkes viele Interessenten finden wird.

Dr. Franz Xaver Scheuerer
Bezirksheimatpfleger der Oberpfalz

 

 

Seit damals gehen Wahrheit und Märchen zusammen.
Und beide sind bei den Menschen beliebt.

Das Spannungsverhältnis zwischen einer objektiven Erfahrungswirklichkeit und einer mythischen Gegenwelt, die Rätselhaftes erklären will, übt auch im Zeitalter des Web 2.0 eine immense Anziehungskraft auf Kinder aus. Nur haben sich die Rezeptionsformen geändert, wie die KIM- und die JIM-Studie jährlich neu bestätigen. 

Bildungsstandards und Lehrpläne verlangen einen medieninteraktiven Unterricht in allen Schularten und die Mediendidaktik hat sich als eigenständige Disziplin etabliert. So ist es naheliegend, tradierte Stoffe auch in neuen Medien anzubieten, die den Rezeptionsgewohnheiten der Schüler näher kommen, auch um so das Interesse und die Neugier zu wecken.

Die von Heidemarie Sander (SanderFilm) produzierte Filmfassung und das einhergehende Hörbuch eigenen sich hervorragend für den Einsatz im Unterricht. Den Aufnahmen liegt eine sehr umsichtige redaktionelle Bearbeitung der Schönwerth-Sagen zugrunde, die auch biographische und  mentalitätsgeschichtliche Anmerkungen umfasst. Jörg Hube als Sprecher ist  prädestiniert, die geheimnisvolle Sagenwelt entstehen zu lassen. Der Adolf- Grimme-Preisträger hält mit nuancen-reicher und einnehmender Stimme die Schwebe zwischen Vertrautem und Dämonisch-Magischem, ohne dabei je die Grenze zu Pathos und Effekthascherei zu überschreiten. Er wird von den  Komponisten Stefan Huber und Michael Reisinger unterstützt, die mit großer Liebe zum Detail den Figuren wie Drud, Holzweiblein und Bilmesschneider markante und wiedererkennbare Motive zuordnen.

Besser kann man die Textwirkung kaum unterstützen. Lange photographische Einstelllungen mit durchdachter, ruhiger Schnittfolge illustrieren den Text ohne ihn zu überdecken.

Der Film zeigt neben den liebevoll kostümierten Figuren auch stimmungsvolle, teils mystische Naturaufnahmen, historische Gebäude (u.a. aus dem Freilandmuseum Goglhof), Ausstellungsstücke aus den Stadtmuseeen Amberg und Regensburg  und Illustrationen von Irmingard Jeserick. So vielseitig die Gestaltung von Film und Hörbuch ist, so vielseitig sind ihr Einsatzmöglichkeiten im Unterricht.

Sie können zum einen sicherlich als Hinführung zum Thema der Sagen im Unterricht dienen und wecken weitergehendes Leseinteresse, da beide gerade Kinder im Grundschulalter in ihren Bann ziehen und die Wirkung der Figuren  unmittelbar gegeben ist. Der Zugang zu einer Vorstellungswelt, die uns heute  teilweise fremd erscheint, wird dabei durch die Bilder und die erläuternden  Bemerkungen erleichtert. Die Geschichten werden in einen Kontext gestellt, ohne dass dabei die Fantasie zu sehr eingeschränkt wird. Mentalitätsgeschichtliche  Anknüpfungspunkte in Schönwerths Texten ergeben sich für den Unterricht auch durch noch heute im Gebrauch befindliche Sprichwörter und Elemente des  Volksaberglaubens, wie etwa die bayernweit tradierte Regel, man dürfe in den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche waschen.

Dr. Markus Pissarek
Aus:  „Märchenspiegel" - Zeitschrift für internationale Märchenforschung und Märchenpflege der Märchenstiftung Walter Kahn, Heft 1/2010, Seite 53 - 54